Anne van Bonn beendet Karriere

Wenn am kommenden Sonntag im Franz-Kremer-Stadion, direkt neben dem berühmten Geißbockheim des 1. FC Köln, die Frauen-Bundesligasaison abgepfiffen wird, ist das gleichzeitig ein historischer Moment. Nicht weil die erste Saison in der Geschichte des deutschen Fußballs unter einer Pandemie litt, sondern weil eine der bekanntesten deutschen Fußballerinnen dann ihre Kickschuhe an den Nagel hängen wird: Anne van Bonn wird in Diensten des SC Sand am Sonntag ihr letztes Bundesligaspiel bestreiten. Nach 19 Jahren in der Frauen-Bundesliga und der Nationalmannschaft wird die Defensivspezialistin ihre großartige Karriere beenden. Van Bonn geht damit als die Spielerin mit den zweitmeisten Einsätzen in die Geschichte des Frauen-Fußballs ein. Insgesamt wird sie dann 322 Spiele in der eingleisigen Bundesliga, die es seit 1997 gibt, absolviert haben. Lediglich Kerstin Garefrekes steht in dieser Statistik mit 355 Einsätzen vor ihr.

Für ihren aktuellen Verein, den südbadischen Bundesligisten SC Sand, hat die 34-Jährige bis auf eine Ausnahme sämtliche Bundesligaspiele, die der Verein bisher absolviert hat, bestritten. Nach dem Schlusspfiff am Sonntag wird der SC Sand 132 Bundesligapartien in seiner Vita stehen haben, davon hat Anne van Bonn 131 Begegnungen absolviert. „Lediglich einmal war ich gelb-rot-gesperrt“, erinnert sie sich, „das war in der vergangenen Saison gegen Potsdam, nachdem ich eine Woche zuvor in meinem 100. Spiel für Sand gegen Freiburg die Ampelkarte gesehen habe.“ Diese Zahlen verdeutlichen, dass van Bonn während ihrer langen Karriere von schweren Verletzungen verschont geblieben war. Das hat freilich auch mit ihrem Lebensstil und ihrer professionellen Einstellung zu tun. Diese hat die Abwehrspielerin zu dem gemacht, was sie heute ist – zur aktuell dienstältesten Spielerin im deutschen Frauenfußball. In dieser Spielzeit absolvierte sie sämtliche Partien über die volle Distanz. In der kommenden Woche wird sie sich mit ihrer Partnerin Claudia von Lanken, die im nationalen Frauenfußball ebenfalls keine Unbekannte ist, auf den Weg in die neue Heimat Hamburg machen, um ihrem erlernten Beruf als Diplom-Bauingenieuren nachzugehen.

Anne van Bonn begann bereits im Alter von vier Jahren mit dem Fußballspielen. In ihrem örtlichen Heimatverein, dem GSV Geldern, durchlief sie sämtliche Jugendmannschaft, wobei sie in der Zeit Anfang der 90er-Jahre, mit Jungs zusammenspielen musste. Ihrem Spielstil kam das entgegen und sie macht keinen Hehl daraus, dass sie sich im Wettkampf lieber mit den männlichen Mitstreitern als mit Mädchen gemessen hat. Bereits im Alter von 15 Jahren zog es die talentierte Abwehrspielerin zum FCR Duisburg. Der ursprüngliche Plan, zunächst in der U 17 und der zweiten Mannschaft zu spielen, wurde schnell über den Haufen geworfen. Als rechte Verteidigerin wurde van Bonn schnell in die Bundesligaelf beordert, was der Beginn einer langen, erfolgreichen Karriere sein sollte.

Mit dem FCR Duisburg holte sie sich im Jahr 2009 den Titel in der Champions-League und wurde im selben Jahr als auch ein Jahr später DFB-Pokalsiegerin. „Wir waren leider nur zu blöd, Deutscher Meister zu werden“, wird sie sich noch ewig erinnern und verweist auf die vier aufeinanderfolgenden Vizemeisterschaften zwischen 2005 und 2008. Auf die Frage, welchen Titel sie für sich persönlich am höchsten einstufe, kommt sie ins Grübeln. „Das Double 2009 war eine tolle Geschichte, der Weltmeistertitel mit der U 19 im Jahr 2004 in Thailand hat allerdings denselben Stellenwert.“ Unter Trainerin Silvia Neid absolvierte die Niederrheinerin insgesamt 40 Spiele im Trikot der verschiedenen National-Auswahlmannschaften.

Als Trainer, dem sie am meisten zu verdanken hat, nennt sie Jürgen Krust, der sie in ihrer Zeit in Duisburg „immer hart rangenommen hat. Ich wusste aber, tut er das eines Tages nicht mehr, dann hat er mich aufgegeben“, verdeutlicht van Bonn ihre Einstellung zum Sport: Halbe Sachen gibt es nicht. Die erste, die auf die Idee kam, van Bonn aus der Verteidigung auf die „Sechs“ zu nehmen, war die heutige Bundestrainern Martina Voss-Tecklenburg, die zwischen 2008 und 2011 Duisburgs Erfolgstrainerin war. Eine Maßnahme, die sich auszahlen sollte, denn Anne van Bonn hat diese Position verinnerlicht. Für Duisburg absolvierte van Bonn 146 Bundesligaspiele – Vereinsrekord.

Nach einem kurzen Intermezzo bei Lok Leipzig und dem FSV Gütersloh zog es die damals 27-Jährige ins badische Sand. „Der Verein, der zu diesem Zeitpunkt in der zweiten Bundesliga spielte, hatte das klare Ziel Aufstieg ausgegeben. In der Tat stand zur Winterpause schon so gut wie fest, dass wir das schaffen werden“, erinnert sich van Bonn an ihren Einstand in der Ortenau. Hätte das nicht funktioniert, „wäre ich nach diesem Jahr wieder gegangen“, gibt sie offen zu Protokoll. Was allerdings nach dem Aufstieg in die Bundesliga im idyllischen Sand und mit Anne van Bonn geschah, ist bekannt: Sie wurde zu der Identifikationsfigur im Ort und auf dem Feld. Der SC Sand und Anne van Bonn werden heute oft in einem Atemzug genannt. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Umfeld, war die 34-Jährige gemeinsam mit Claudia von Lanken, die sieben Jahre die Geschäftsstelle leitete, immer präsent und sich für nichts zu schade. Dass am Sonntag daher einige Tränen fließen werden steht außer Frage.

Ob sie in ihrer neuen Heimat für den HSV in der Regionalliga auflaufen wird, schließt sie nicht aus, ist aber nicht ihr Ziel. Dort widmet sie sich in erster Linie voll ihrem Beruf, will dort Erfahrungen sammeln und sich entwickeln. Und wenn der SC Sand in der kommenden Saison bei Aufsteiger Werder Bremen antreten muss, hat sie einen Ausflug dorthin geplant. Auf ein Wiedersehen mit Anne van Bonn freuen sich in der Ortenau jedenfalls jetzt schon alle, auch wenn bei ihrer Verabschiedung beim jüngsten Heimspiel keine Zuschauer beiwohnen durften. „Schade, dass die Karriere so zu Ende geht“, ist die immer positive Fußballerin dann doch ein wenig traurig. Wenn am Sonntag gegen 15.45 Uhr ihre Karriere dann definitiv zu Ende sein wird, wird das sicherlich auch so sein. Der SC Sand und die Frauen-Bundesliga verlieren dann mit Anne van Bonn eine ihre letzten Vorzeigespielerinnen.

Vielen Dank und alles Gute Anne van Bonn!

Autor: Heiko Borscheid
Bildquelle: Jean-Luc Bastian
Veröffentlicht am 24.06.2020 um 10:14

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